Die Stadt, das Wasser – ja wir müssen uns ernst­haft Sorgen machen

Stark­re­ge­n­er­eig­nisse, Muren­ab­gänge, geflu­tete U‑Bahnschächte, Miss­ernten in 2017 sind noch in Erin­ne­rung.

Im Jahr 2018 folgte dann ein herr­li­cher Sommer – der Klima­wandel hatte, zumin­dest jetzt, auch eine gute Seite, mag mancher gedacht haben. Aber der verharm­lo­sende Begriff „Klima­wandel“ ist eigent­lich nichts anderes als „Erdfieber“, denn eine um nur 2 °C höhere und zugleich länger anhal­tende Körper­tem­pe­ratur bedeutet hohes Fieber, welches ärzt­lich zu behan­deln ist. Viele, insbe­son­dere ältere Menschen, haben in Deutsch­land unter den erhöhten Tempe­ra­turen gesund­heit­lich gelitten. Für die Land- und Forst­wirt­schaft, die Schiff­fahrt und für die Natur und sogar für Teile der Indus­trie war der letzte Sommer exis­tenz­be­dro­hend.

Dass diese außer­ge­wöhn­liche Trocken­heit wohl kein Einzel­er­eignis bleiben wird und dass wir künftig häufiger, wenn nicht gar in regel­mä­ßigen Abständen, mit Dürre in Deutsch­land rechnen müssen, prophe­zeite kürz­lich der Deut­schen Wetter­dienstes (DWD).

Dem städ­ti­schen Raum fehlt die kühlende Funk­tion der Wasser­ver­duns­tung – aber schon jetzt benö­tigt jede Stadt deut­lich mehr Trink­wasser als sich auf natür­li­chem Wege im Stadt­ge­biet neu bilden kann. Man bedient sich deshalb mehr oder weniger unge­niert aus dem Umland. Dieses Wasser fehlt der dortigen Land­wirt­schaft, die wiederum für die Lebens­mit­tel­ver­sor­gung der Stadt unent­behr­lich ist.

Der vermehrte Bau von Regen­was­ser­zis­ternen beispiels­weise hilft sowohl bei Stark­re­ge­n­er­eig­nissen als auch bei Trocken­heit – bei norm­ge­rechten Bau – über eine regen­freie Zeit von ca. 3 – 5 Wochen hinweg.

Wasser wird nicht verbraucht, es wird ledig­lich gebraucht. Wasser- Nähr­stoff- und Ener­gie­re­cy­cling auf hohem Niveau, verbunden mit einer kaska­den­haften Mehr­fach­nut­zung, löst diverse Versor­gungs- und Umwelt­pro­bleme.  

Es gibt zum Glück keinen Mangel an guten Forschungs­er­geb­nissen – es besteht aber ein riesiges Defizit an deren Umset­zung. Beispiels­weise wurde schon vor 20 Jahren in einem konkreten Bauvor­haben ein inno­va­tiver Umgang mit Nieder­schlags­wasser aus dem Sied­lungs- und Stra­ßen­be­reich erfolg­reich erprobt. Der belas­tete Anteil des Stra­ßen­ab­laufs gelangt zusammen mit dem Dach­ab­lauf­wasser in eine Zisterne und nur das weit­ge­hend unbe­las­tete Nieder­schlags­wasser in das Ober­flä­chen­ge­wässer, wodurch die Gewäs­ser­qua­lität verbes­sert wird. Der belas­tete erste Spül­stoß aus der Stra­ßen­ent­wäs­se­rung wird mit einfa­chen Mitteln zu einem hoch­wer­tigen Betriebs­wasser aufbe­reitet. Es ist hygie­nisch einwand­frei und darüber hinaus sogar für diverse Anwen­dungen gegen­über dem örtli­chen Trink­wasser zu bevor­zugen. Obwohl sich dieses Pilot­pro­jekt seit 20 Jahren in der Praxis bewährt hat, ist es in Berlin bisher nicht weiter zur Anwen­dung gekommen. Statt dessen werden teure Stau­raum­ka­näle etc. gebaut.

Ähnlich ergeht es u. a. dem Berliner ROOF WATER-Farm Projekt. In einem mehr­ge­schos­sigen Wohn­haus in der Innen­stadt wird das Grau­wasser aus Bade­wannen, Duschen und Wasch­ma­schinen zusammen mit dem Küchen­ab­wasser zu einem Betriebs­wasser aufbe­reitet, das in fast allen Para­me­tern die Anfor­de­rungen der Trink­was­ser­ver­ord­nung erfüllt. Seit 2006 wird es von 250 Personen zur Toilet­ten­spü­lung verwendet. Ab 2014 wurde selbst aus dem Toilet­ten­ab­wasser über 2 Jahre hinweg ein hoch­wer­tiger, hygie­nisch einwand­freier Flüs­sig­dünger – soge­nanntes „Gold­wasser“ erzeugt.

Betriebs- und Gold­wasser wurden für die Lebensmittelproduktion in Hydro­ponik und Aqua­ponik verwendet. Die damit erzeugten Lebens­mittel waren höchst wohl­schme­ckend und erfüllten alle gesetz­li­chen Quali­täts­an­for­de­rungen. Die orts­nahe Schlie­ßung des Wasser­kreis­laufs mit inte­grierter Farm­wirt­schaft produ­ziert ohne zusätz­li­chen Wasser­be­darf und ohne Einsatz von Chemi­ka­lien mit nied­rigem Ener­gie­auf­wand durch kurze Trans­port­wege frische und gesunde Lebens­mittel für die städ­ti­schen Verbrau­cher. Das recy­celte Wasser, welches bei der Lebensmittelproduktion verdunstet, kühlt zugleich die nach­bar­schaft­liche Umge­bung und es wäre sogar noch Betriebs­wasser übrig, um Grün­dä­cher und Bäume vor dem Vertrocknen zu schützen.

Eine neue wissen­schaft­liche Wahr­heit setzt sich nie in der Weise durch, dass ihre Gegner über­zeugt werden und sich als belehrt erklären. Viel­mehr wird die heran­wach­sende Genera­tion von vorn­herein mit den neuen Einsichten vertraut gemacht und die Gegner sterben allmäh­lich aus.“

Max Planck (1948)

Die Besu­cher­gruppen, Schüler und Studenten, die sich bei der ROOF-WATER-Farm die Türklinke in die Hand geben, sind begeis­tert. Politik, Verwal­tung und Baukon­zerne, die geeig­nete Dach­flä­chen für Dach­ge­wächs­häuser zur Verfü­gung stellen könnten, kommen selten. Forschungs­er­geb­nisse – selbst die Praxis­er­geb­nisse aus dem Real­la­boren scheinen sie wenig zu beein­dru­cken.

Die heran­wach­sende Genera­tion kann und will nicht so lange warten, bis die alte von selbst Platz macht. Greta Thun­berg wirft älteren Genera­tionen Versagen vor:

Wenn wir sagen, dass wir Angst vor der Zukunft unserer Zivi­li­sa­tion haben, dann tätscheln sie uns den Kopf und sagen: Alles wird gut, macht euch keine Sorgen‘. Aber wir müssen uns sorgen, wir müssen in Panik verfallen.“

Thun­berg am 29.03.2019 in Berlin

Wem also nützt Umwelt­for­schung – außer der Forschung selbst, wenn posi­tive Ergeb­nisse nicht umge­setzt werden? Sind nicht die Haupt­pro­fi­teure Politik, Verwal­tung, sowie Bau- und Wasser­kon­zerne, wenn sie den Bürgern allein durch Forschungs­auf­träge und nicht durch Handeln legi­ti­miert glau­bend machen wollen, dass sie sich um die Probleme kümmern, dass alles gut wird und wir uns keine Sorgen machen sollen?


Nach­zu­lesen in Regen­wasser-Manage­ment 2019
Dezen­trale Regen­was­ser­maß­nahmen für Gebäude, Grund­stücke und Verkehrs­flä­chen
Enst & Sohn Special
April 2019

Erwin Nolde
mail@nolde-partner.de